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Wenn Michael Brandt montags in die Versicherung geht, trägt er ein Hemd, ein Sakko und eine Krawatte. Früher war das für ihn ganz selbstverständlich. Doch seit zwei Jahren hat sich in seinem Büro vieles verändert. Die Firma hat die Kleiderordnung abgeschafft, und seitdem erscheinen viele Kollegen in Jeans und Turnschuhen. Manche tragen sogar Kapuzenpullis. „Am Anfang fand ich das komisch“, gibt Brandt zu. „Aber ich merke, dass die Stimmung lockerer geworden ist.“
Vorreiter dieser Entwicklung waren Unternehmen aus der Computerbranche. Dort waren Anzug und Krawatte nie üblich, weil die Mitarbeiter wenig Kontakt zu Kunden hatten. Inzwischen folgen auch Banken und Versicherungen, die lange als besonders streng galten. Der Grund ist nicht nur Bequemlichkeit. Viele Firmen haben Schwierigkeiten, junge Fachkräfte zu finden. Wer locker gekleidet arbeiten darf, so die Hoffnung, fühlt sich wohler und bleibt länger im Unternehmen.
Trotzdem hat die Freiheit auch Nachteile. Die Personalberaterin Svenja Köhler erzählt, dass manche Beschäftigte unsicher sind, was „angemessen“ bedeutet. „Wenn es keine Regeln gibt, orientiert man sich an den anderen, und das kann stressig sein“, sagt sie. Besonders neue Mitarbeiter fragten sich vor dem ersten Tag, ob ein Hemd zu schick oder eine Jeans zu lässig sei. Manche Firmen haben deshalb einfache Leitlinien formuliert, zum Beispiel: Kleidung sollte sauber sein und zum Anlass passen.
Bei Kundenterminen sieht es anders aus. Die meisten Beschäftigten wechseln dann in ein formelleres Outfit. Brandt hat dafür einen Anzug im Büro hängen, den er bei Bedarf schnell anzieht. „Ältere Kunden erwarten das einfach“, erklärt er. „Sie nehmen mich ernster, wenn ich ordentlich aussehe.“ Studien bestätigen, dass Kleidung den ersten Eindruck stark beeinflusst, auch wenn sich das viele nicht gern eingestehen.
Und wie sieht es im Sommer aus? Hier gibt es immer wieder Streit, vor allem wenn es heiß wird. Kurze Hosen für Männer sind in manchen Abteilungen erlaubt, in anderen nicht. Köhler rät, solche Fragen im Team zu besprechen und nicht allein der Chefin zu überlassen. „Wenn alle mitentscheiden dürfen, akzeptieren die meisten die Regeln eher“, meint sie.
Brandt selbst will bei seiner Krawatte bleiben, zumindest montags. „Das ist meine Art, die Woche zu beginnen“, sagt er lächelnd. „Aber ich freue mich, dass ich es nicht mehr muss.“
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