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Jung und Alt unter einem Dach
In einem Reihenhaus am Stadtrand von Freiburg wohnt seit drei Jahren eine ungewöhnliche Wohngemeinschaft. Helga Neumann, 74 Jahre alt, teilt sich das Haus mit drei Studierenden und einer jungen Krankenpflegerin. Die Idee entstand, als die ehemalige Lehrerin nach dem Tod ihres Mannes plötzlich allein in dem großen Haus saß. „Ich hatte zu viele Zimmer und zu wenig Gespräche“, erzählt sie lachend.
Zuerst hatte Frau Neumann Zweifel, ob sie mit so jungen Leuten zurechtkommen würde. Auch ihre Tochter war skeptisch und fürchtete Lärm und Unordnung. Doch nach den ersten Wochen zeigte sich, dass die Sorgen unbegründet waren. Die Mitbewohner zahlen nur eine geringe Miete, helfen dafür aber im Alltag: Sie gehen einkaufen, tragen schwere Taschen und kümmern sich im Winter um den Schnee vor der Tür. „Das ist ein fairer Tausch“, sagt der Student Jonas Keller, 23. „Ich spare Geld, und Helga hat immer jemanden, den sie um Hilfe bitten kann.“
Dabei geht es nicht nur um praktische Hilfe. Jeden Donnerstag kochen die Bewohner gemeinsam, und Frau Neumann bringt den anderen ihre alten Familienrezepte bei. Im Gegenzug erklärt ihr die Krankenpflegerin Mira Yildiz, wie man ein Smartphone benutzt und Fotos an die Enkel verschickt. „Früher hätte ich nie gedacht, dass ich Videoanrufe machen würde“, gibt die Seniorin zu.
Natürlich gibt es auch Konflikte. Die Studenten feiern manchmal bis spät in die Nacht, während Frau Neumann früh schlafen geht. Deshalb gilt seit einem Jahr eine klare Regel: Unter der Woche ist ab 22 Uhr Ruhe, am Wochenende dürfen Gäste bis Mitternacht bleiben. „Wichtig ist, dass man offen miteinander redet“, meint Mira Yildiz. Einmal im Monat setzen sich alle zusammen und besprechen, was gut läuft und was nicht.
Solche Wohnprojekte sind noch selten, doch das Interesse wächst. Die Stadt Freiburg unterstützt Mehrgenerationen-Wohnen inzwischen mit Beratungsangeboten und vermittelt passende Partner. Viele ältere Menschen wollen nicht ins Pflegeheim, sondern möglichst lange selbstständig in ihrem Zuhause bleiben. Gleichzeitig suchen Studierende bezahlbare Zimmer, denn die Mieten in der Innenstadt sind kaum noch zu bezahlen.
Frau Neumann möchte ihr Haus jedenfalls nicht mehr anders erleben. „Ich glaube, ich bin jünger geworden“, sagt sie. Und ihre Tochter, die anfangs so skeptisch war, kommt inzwischen jeden Sonntag zum Kaffee vorbei – und bleibt oft bis zum Abendessen.
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