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Mit den Händen denken
Es ist kurz nach sieben Uhr morgens, und in der Werkstatt von Tischlermeister Dieter Brandt riecht es nach frischem Holz. Leonie Hartmann, 18 Jahre alt, steht schon an der Hobelmaschine. Seit einem Jahr macht sie hier ihre Ausbildung zur Tischlerin. Dass sie einmal mit Holz arbeiten würde, hätte sie vor drei Jahren selbst nicht gedacht.
Nach der Realschule wollte Leonie eigentlich Abitur machen und danach studieren. „Meine Eltern fanden das auch richtig“, erzählt sie. „Aber ich habe in der Schule gemerkt, dass ich lieber etwas mit meinen Händen mache, als den ganzen Tag zu sitzen.“ In den Sommerferien machte sie ein Praktikum in der Tischlerei, eigentlich nur, weil ein Freund ihres Vaters dort arbeitet. Nach zwei Wochen war sie sich sicher: Sie wollte nicht mehr zurück in die Schule. Im Herbst verließ sie die Oberstufe und bewarb sich um einen Ausbildungsplatz. Ihre Eltern waren zunächst skeptisch, haben ihre Entscheidung aber inzwischen akzeptiert.
Im ersten Ausbildungsjahr durfte Leonie vor allem Material vorbereiten, Werkzeuge ordnen und die Werkstatt aufräumen. „Das war ziemlich langweilig“, gibt sie zu. „Aber mein Chef hat mir erklärt, dass man erst die Grundlagen können muss, bevor man etwas Schönes bauen kann.“ Heute baut sie schon eigene Möbelstücke. Ihr erstes Werkstück, ein kleines Regal, steht inzwischen im Wohnzimmer ihrer Eltern. Zweimal pro Woche geht sie außerdem in die Berufsschule, wo sie Zeichnen, Materialkunde und Mathematik lernt.
Nicht alles ist einfach. Die Arbeit ist körperlich anstrengend, und abends tun manchmal die Schultern weh. Außerdem ist Leonie oft die einzige Frau auf der Baustelle. Anfangs haben einige Kunden sie nicht ernst genommen und gefragt, wann der „richtige Tischler“ komme. „Inzwischen kann ich darüber lachen“, sagt sie. „Wenn die Kunden sehen, was ich kann, sind sie meistens begeistert.“
Ihr Chef ist mit ihr sehr zufrieden. „Leonie arbeitet genau, ist geduldig und hat gute Ideen“, sagt Dieter Brandt. „Leider gibt es zu wenige junge Leute, die sich für diesen Beruf interessieren. Viele Betriebe in unserer Branche finden keinen Nachwuchs mehr.“ Er hofft, dass Leonie nach der Ausbildung bleibt. Doch Leonie hat andere Pläne. Nach der Gesellenprüfung möchte sie ein Jahr auf Wanderschaft gehen, wie es früher im Handwerk üblich war. Dabei arbeitet man an verschiedenen Orten und lernt neue Techniken kennen. Danach will sie die Meisterschule besuchen und irgendwann eine eigene Werkstatt eröffnen.
Und was rät sie anderen Jugendlichen? „Probiert vorher aus, was euch gefällt“, sagt Leonie. „Ein Praktikum kostet nichts, aber es kann das ganze Leben verändern.“
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